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Erwerb und Verwaltung kirchlichen Grundeigentums: Das Kollegiatstift St. Christophorus von Coimbra (12. und 13. Jahrhundert)

Monika Aring da Silva Ramos Mauro, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Abstract: This article examines the acquisition and administration of church property in Portugal in the 12th and 13th centuries, using the example of the Collegiate Church of St. Christopher in Coimbra. The conquest of the city and its surrounding area in 1064 and the associated political, demographic and ecclesiastical restructuring processes serve as the central historical framework. This article summarises the main findings of a seminar paper written during an Erasmus stay at the University of Coimbra in the winter semester of 2024/2025.

Resumo: O presente artigo analisa a aquisição e a administração do património eclesiástico em Portugal nos séculos XII e XIII, tomando como estudo de caso a Colegiada de São Cristóvão de Coimbra. A conquista da cidade e do seu termo em 1064, bem como os processos de reorganização política, demográfica e eclesiástica a ela associados, constituem o principal enquadramento histórico da análise. Este artigo sintetiza os principais resultados de um trabalho de seminário desenvolvido no âmbito de uma estadia Erasmus na Universidade de Coimbra, durante o primeiro semestre do ano letivo 2024/2025.

Zusammenfassung: Der vorliegende Beitrag untersucht den Erwerb und die Verwaltung kirchlichen Vermögens im Portugal des 12. und 13. Jahrhunderts am Beispiel des Kollegiatstifts St. Christophorus von Coimbra. Dabei dienen die Eroberung der Stadt und ihres Umlands im Jahr 1064 sowie die damit verbundenen politischen, demografischen und kirchlichen Neuordnungsprozesse als zentraler historischer Rahmen. Dieser Beitrag fasst die Hauptergebnisse einer Seminararbeit zusammen, die im Rahmen eines Erasmusaufenthaltes an der Universität Coimbra im Wintersemester 2024/2025 entstanden ist.

Die Geschichte der portugiesischen Stadt Coimbra reicht bis in die Antike zurück, als sie unter dem Namen Aeminium bekannt war. Wie weite Teile Portugals geriet die Stadt im Jahr 714 unter muslimischer Herrschaft. Erst 1064 wurde Coimbra von Ferdinand dem Großen, König von León, erobert, der die Regierung der Stadt dem mozarabischen Ritter Sesnando Davides übertrug. Während seiner Amtszeit widmete sich Sesnando vor allem der Sicherung der Grenze gegenüber der muslimischen Welt sowie der Förderung der Besiedlung der Stadt und ihres Umlandes.

Mit der Wahl Paternos zum Bischof im Jahr 1080 wurde auch die Diözese von Coimbra wiederhergestellt. Dieser ging ein Bündnis mit Sesnando ein, mit dem Ziel, die kirchlichen Strukturen Coimbras neu zu organisieren. Diese kirchliche Reorganisation war weniger durch die Notwendigkeit motiviert, den lokalen christlichen Glauben zu erneuern, der sich aufgrund der starken Präsenz mozarabischer Gruppen während der muslimischen Herrschaft vergleichsweise lebendig erhalten hatte. Vielmehr zielte die diözesane Neuordnung auf die Schaffung von Mechanismen zur Beherrschung, Strukturierung und Nutzung des „neuen“ Territoriums sowie seiner wachsenden Bevölkerung ab.1

Sowohl der Besiedlungsprozess als auch die Umstrukturierung des kirchlichen Netzes von Coimbra setzten sich während der Regierung des Grafen (und späteren Königs) Alfons fort. Dieser ließ sich 1131 in der Stadt nieder, nachdem er den Hof von Guimarães nach Coimbra verlegt und die Stadt zur Hauptstadt der Grafschaft Portucale erhoben hatte. Die Ankunft Alfons‘ in Coimbra und die Fortführung der Politik zur Förderung der Besiedlung durch Schenkungen und territoriale Konzessionen führten zu einem erheblichen wirtschaftlichen Wachstum sowohl im ländlichen als auch im städtischen Raum. Dieses zog wiederum noch mehr Menschen nach Coimbra und bewirkte einen deutlichen demografischen Anstieg. Diejenigen, die von den Vorteilen des städtischen Lebens angezogen wurden, jedoch keinen Platz innerhalb der Stadtmauern fanden, ließen sich in den Vorstädten Coimbras nieder. Diese entwickelten sich rasch zum bevölkerungsreichsten Teil der Stadt.2

Das Bevölkerungswachstum betonte neuerlich die Notwendigkeit, die Einwohner Coimbras zu organisieren und in klar definierten Pfarreien zu integrieren. Im Hoch- und Spätmittelalter stellte die Pfarrei die stabilste Einheit der portugiesischen Gesellschaft dar und fungierte als Kern sämtlicher bevölkerungsbezogener, sozioökonomischer und religiöser Aktivitäten. Im 12. Jahrhundert durchlief Coimbra einen intensiven Prozess der pfarrlichen Aufteilung, der zur Schaffung von neun verschiedenen Pfarreien innerhalb und außerhalb der Stadtmauern führte. Innerhalb der Mauern, unweit von der Kathedrale, wurde eine dem heiligen Christophorus geweihte Kirche errichtet, die als Sitz der gleichnamigen Pfarrei diente und deren Kanoniker sich in einem Kollegiatstift organisierten.

Zum Grundeigentum des Kollegiatstifts St. Christophorus von Coimbra

Über die Anfänge des Kollegiatstifts St. Christophorus von Coimbra ist wenig bekannt, da keine Gründungsurkunde überliefert ist. Sicher ist jedoch, dass die Stiftskirche spätestens seit 1108 bestand.3 Das mittelalterliche Kirchengebäude existiert heute nicht mehr, da es im Jahr 1860 für den Bau eines inzwischen ebenfalls verfallenen Theaters abgerissen wurde. Demgegenüber ist heutzutage im portugiesischen Zentralarchiv, der  Torre do Tombo in Lissabon, eine umfangreiche hoch- und spätmittelalterliche Dokumentation überliefert, die unter anderem Schenkungsurkunden sowie Kauf-, Tausch- und Pachtverträge der Kirche umfasst. Diese Quellen ermöglichen einen einzigartigen Einblick in die Strategien des Erwerbs und der Verwaltung städtischen und ländlichen Besitzes einer jungen Stiftspfarrkirche in einer Phase tiefgreifender politischer, wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen.

Ein wesentlicher Teil der kirchlichen Einkünfte stammte aus den Ländereien, die das Kollegiatstift innerhalb und außerhalb der Stadtmauern Coimbras besaß. Die Quellen des 12. und frühen 13. Jahrhunderts sind vor allem durch den Erwerb städtischen und ländlichen Besitzes geprägt. Neben vereinzelten Kauf- und Tauschgeschäften spielten insbesondere testamentarische Schenkungen eine zentrale Rolle, die somit die Stiftskirche mit ihren ersten Ländereien ausstatteten und die materielle Grundlage für den Unterhalt der Kanoniker über die üblichen Gemeindegaben hinaus sicherten. Von besonderer Bedeutung war dabei das Wirken einer lokalen Familie namens Anaia, auf die die umfangreichsten Landschenkungen zurückgehen. Ihre enge Beziehung zur Stiftspfarrkirche ist über mehrere Generationen hinweg nachweisbar.

Mit der Eroberung der Stadt Coimbra und ihrer Umgebung im Jahr 1064 gingen die zuvor unter muslimischer Herrschaft stehenden Ländereien vor allem in das Eigentum weltlicher und gelangten in der Folge durch Schenkungen auch in kirchliches Eigentum. Die politische Herrschaft über das Land bedeutete jedoch nicht zwangsläufig dessen systematische Nutzung. Im Allgemeinen bestand ein Überfluss an Großgrundbesitz, der noch gerodet und kultiviert werden musste, während die hierfür erforderlichen menschlichen, materiellen und technischen Ressourcen begrenzt waren. Im Zuge der Wiederbesiedlungspolitik der Region wurden die enfiteutischen Vertragsbeziehungen schrittweise wiederhergestellt. Deren Ziel war es, die Ländereien wirtschaftlich nutzbar zu machen. Diesen Prozess beschreibt der portugiesische Jurist Mário Júlio de Almeida Costa als eine gelungene „Interessenkonvergenz zwischen jenen, die über unerschlossenes Land verfügten, und jenen, die die Arbeitskraft besaßen“.4 In Coimbra waren es vor allem kirchliche Institutionen, die über umfangreichen Landbesitz verfügten und diesen Prozess maßgeblich vorantrieben, darunter auch das Kollegiatstift St. Christophorus.

Während sich das Stift im 12. Jahrhundert vor allem um den Erwerb von Land bemühte, lässt sich im 13. Jahrhundert eine stärkere Ausrichtung auf die Nutzung und Verwaltung des bestehenden Vermögens feststellen. Nun begann das Stift seine Ländereien gezielt zu vergeben, um eine sesshafte Bevölkerung zu schaffen und zugleich regelmäßige sowie stabile Einkünfte zu erzeugen. Dabei lassen sich unterschiedliche Modalitäten der Vergabe des Landes beobachten, die sich vor allem nach der Größe des Landguts und seiner Entfernung zur Stadt richteten.

Der ewige Pachtvertrag (carta de foro, auch aforamento genannt) sah die dauerhafte Nutzung eines Grundstücks entweder durch die gesamte Einwohnerschaft einer Region oder durch eine einzelne Familie und deren Nachkommen vor. Diese Vertragsform wurde vor allem auf größere und außerhalb des Landkreises Coimbra gelegene Besitzungen angewandt, da gerade unbebaute und öde Gebiete besonders von einer kontinuierlichen Besiedlung und Bewirtschaftung profitierten. Aufgrund des häufig verwilderten Zustands dieser entlegenen Ländereien wurden die Naturalabgaben in den ersten Jahren des Vertrages vergleichsweise niedrig angesetzt.

Neben den dauerhaften Pachtverträgen sind auch befristete Vertragsformen belegt, die in zwei Typen unterschieden werden können. Die sogenannten emprazamentos waren auf die Lebenszeit des Pächters angelegt, während die arrendamentos auf wenige Jahre beschränkt waren, in der Regel weniger als zehn. Letztere Vertragsform war für beide Parteien weniger vorteilhaft und daher weniger verbreitet, da die kurze Laufzeit häufig zu einer intensiven Ausbeutung der Böden führte, was deren Fruchtbarkeit rasch beeinträchtigte.

Obwohl die aforamentos während des gesamten 13. Jahrhunderts vorkommen, lässt sich ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ein deutlicher Anstieg befristeter Verträge beobachten. Der emprazamento entwickelte somit gegen Ende des 13. Jahrhunderts zur bevorzugten Form der Landverwaltung des Kollegiatstifts. Die Beschreibung der verpachteten Parzellen zeigt zudem, dass diese Vertragsform vor allem für kleinere Grundstücke bevorzugt wurde, die sich im Landkreis Coimbra befanden, teils in unmittelbarer Nähe der Stadtmauern oder sogar innerhalb der befestigten Stadt. Diese Grundstücke verfügten in der Regel bereits über Olivenhaine, Weingärten sowie über die notwendigen Anlagen zur Verarbeitung der Ernte. Der Arbeitsaufwand hier war deutlich geringer als bei den großflächigen, weitentfernten Ländereien. Zudem bestanden die jährlichen Abgaben in den emprazamentos überwiegend aus Geld, was auf die zunehmende Monetarisierung der städtischen Wirtschaft zurückführen ist.

Fazit

Das Kollegiatstift St. Christophorus in Coimbra zeigt exemplarisch, wie kirchliche Institutionen im Zuge der christlichen Eroberung Portugals, der Neubesiedlung ehemals muslimischer Gebiete und der territorialen sowie kirchlichen Neuordnung Grundbesitz erwerben und verwalten konnten. Dabei lag der Fokus dieser Untersuchung auf den unterschiedlichen Formen der Verpachtung und darauf, wie diese dem Stift stabile Einkünfte sicherten und zugleich eine sesshafte Bevölkerung förderten. Insgesamt verdeutlicht das Beispiel des Kollegiatstifts, wie wirtschaftliche, soziale und territoriale Strategien miteinander verknüpft wurden, um die Stellung der Kirche in Stadt und Umland nachhaltig zu festigen.


Photo: Älteste Abbildung der Stadt Coimbra. Die Kirche St. Christophorus ist südlich der Kathedrale dargestellt und mit dem Buchstabe G gekennzeichnet, in: Braun, Georg; Hogenberg, Franz (Hrsg.), Civitates orbis terrarum, Bd. 5: Urbium praecipuarum mundi theatrum quintum, Köln 1599, S. 4a, URL: [https://doi.org/10.11588/diglit.16956#0035] (11.03.2026).

  1. Bastos, Mário Jorge da Motta, A estruturação da Igreja na Península Ibérica: a Diocese de Coimbra (sécs. XI–XII), in: Mirabilia26 (2018), S. 50, 55f. [↩]
  2. Ventura, Leontina, Coimbra Medieval: Uma cidade em formação, in: Inventário do Museu Nacional Machado Castro. Colecção de Ourivesaria Medieval. Séculos XII‑XIV, hrsg. von Adília Alarcão , Lisboa 2008, S. 16; Campos, Maria Amélia Álvaro de, Cidade e Religião. A colegiada de Santa Justa de Coimbra na Idade Média, Coimbra 2017, S. 47, 52. [↩]
  3. Aus diesem Jahr stammt eine Verkaufsurkunde, in dem ein Einwohner Coimbras namens Paio gemeinsam mit seiner Ehefrau Comba und einer weiteren Frau ein Haus neben der Kirche St. Christophorus an Cid und dessen Ehefrau Aldora verkaufte. Es handelt sich hierbei um die älteste erhaltene Erwähnung der Stiftskirche. Siehe Matos, João José da Cunha, A colegiada de São Cristóvão de Coimbra (sécs. XII e XIII), Tomar 1998, S. 92, Nr. 5 (unveröffentlichte “prova de aptidão pedagógica e capacidade científica”). In dieser Arbeit wurde die gesamte Dokumentation des Stiftes aus dem 12. Und 13. Jahrhundert transkribiert. [↩]
  4. Zitat eigenständig übersetzt aus: Costa, Mário Júlio do Almeida, Os contratos agrários e a vida económica em Portugal na Idade Média, in: Anuario De Historia Del Derecho Español 49 (1979), S. 162. [↩]

Spuren des mittelalterlichen Klarissenklosters in Palencia – Räume, Bilder und Gegenstände als Primärquellen

María Carrión-Longarela, University of Zürich /University of Santiago de Compostela

Abstract: This article explores the possibilities for studying the Clarissan convent of Santa Clara in Palencia. It examines the origins of the foundation and the challenges of dating the construction of this space. The author proposes starting from material and visual sources to further understand this medieval sacred space. Analyzing the use and function of each surviving architectural element and object may provide additional insights into the pantheon of the Admirals of Castile in the 15th century.

Zusammenfassung: In diesem Beitrag werden die Möglichkeiten zur Untersuchung des Klarissenklosters Santa Clara in Palencia vorgestellt. Die Ursprünge der Stiftung und die Probleme der Datierung des Baus dieses Raumes werden untersucht und es wird vorgeschlagen, von den materiellen und visuellen Quellen auszugehen, um diesen mittelalterlichen Sakralraum weiter zu erfassen. Die Nutzung und Funktion jeder erhaltenen Architekturen und Objekte kann weitere Hinweise auf das Pantheon der Admiräle von Kastilien im 15. Jahrhundert liefern.

Das Interesse der Geschichtsschreibung an Frauenklöstern hat erst in den letzten Jahrzehnten im Zusammenhang mit dem Aufkommen der Gender Studies zugenommen. Gleichzeitig haben die methodologischen Vorschläge der pictorial, liturgical und material turns die Aufmerksamkeit für Bilder und Objekte als Primärquellen für die Geschichte aufgewertet.1 Die iberische Halbinsel bietet eine besondere Kasuistik die die Annäherung an mittelalterliche weibliche Klausurräume bedingt.2 Obwohl Kastilien Teil der spätmittelalterlichen europäischen Spiritualität des 14. bis 16. Jahrhunderts ist, gibt es viele Schwierigkeiten bei der Untersuchung ihrer Klöster. Die Zerstreuung des Kulturerbes und der Verlust, vorallem von historischen Dokumenten, ist einer der Hauptursachen hierfür.3

Ein Kloster mit königlicher Gründung: Unbekannte und ungenaue Datierung

Die Fallstudie von Santa Clara de Palencia bietet königliche Ursprünge die wert sind, da sie entscheidend für die Rolle der Kirche als Pantheon der Admiräle von Kastilien im 15. Nach dem Konflikt zwischen Pedro I. und Enrique II. von Trastámara bemühten sich der neue kastilische Monarch und seine Frau Juana Manuel um ein Image als fromme Herrscher mit einer Vorliebe für den Franziskanerorden. Tatsächlich war ein Klarissenkloster in der Region von Cerrato (Palencia) von den Truppen des Verbündeten des Königs, Bertrand du Guesclin, beschädigt worden. Um den Schaden zu kompensieren, beschloss die Monarchin Juana die Nonnengemeinschaft in die Hauptstadt Palencia zu verlegen, indem sie einige Häuser in der Straße, die zum Tor von Burgos führte, erwarb. Mit der Verlegung im Jahr 1373 und der Unterzeichnung des Vertrags mit dem Kapitel von Palencia im Jahr 1378 begann das Kloster Santa Clara de Palencia, zumindest als Institution. Der Bau der riesigen Kirche und der anderen Klosterräume mehr Zeit in Anspruch nehmen würde.4

Hier beginnt die Grauzone, denn die verfügbaren Dokumente geben keine Auskunft über die Errichtung des Mauerwerks des Klosters. Es ist auch nicht klar, wann Alfonso Enríquez, Admiral von Kastilien und Neffe durch natürliche Abstammung von Enrique II, das Kloster unter seine Schirmherrschaft gestellt bekam. Wahrscheinlich durch eine Schenkung der Monarchie, wie es bei den meisten Gebieten der Enriquez-Ländereien der Fall war. Aus diesem Grund sind die Anfänge des mittelalterlichen Klostergebäudes ebenfalls schwer zu klären.

Räume und Objekte als Quellen: Möglichkeiten der Untersuchung

Neben einer stilistischen und architektonischen Analyse der Kirche, die bereits von der früheren Historiographie behandelt wurde, gibt es noch viel über diesen Raum zu untersuchen. Neue Fragen und theoretische Rahmen ermöglichen es, dieses Kloster des Zweiten Franziskanerordens anhand der erhaltenen Materialien und Gegenstände zu verstehen. Diese fungieren als Primärquellen.

Dadurch wird es möglich, die architektonische Raumstruktur der Kirche im Zusammenhang mit ihrer Bestattungsfunktion zu verstehen, für die sie ursprünglich konzipiert wurde. Wie aus den Testamenten der Familie Enríquez hervorgeht, müssen sich die Gräber der ersten Familie Enríquez und ihrer Frauen vor der Hauptkapelle befunden haben. Von diesen angeblich schiffsförmigen Grabmälern ist nichts erhalten geblieben.5 Die Verpackung, d.h. die Architektur der Kirche und insbesondere das Gewölbe, in dem die Wappen der Admirale und ihrer Frauen zu sehen sind, erlauben es uns jedoch, den Begräbnisdiskurs und das posthume Erinnerung dieser neu gegründeten Familie zu untersuchen. Die Schirmherrschaft über dieses Klarissenklosters verdanken sie niemand anderem als seinen königlichen Verwandten. Eine Beziehung zur Monarchie, die auch die visuelle Rhetorik des Familienwappens offenbart.6

Gleichzeitig muss das Kloster als ein bewohntes Gebäude verstanden werden, mit größtenteils zerstörten und stark veränderten Räumen, die dem täglichen Leben der Nonnen noch heute dienen. Die Veränderungen, Umbauten und Zerstörungen sind, wie C. Bruzelius feststellte, typisch für das tägliche Leben der religiösen Gemeinschaften. Klostergebäude sind dynamische Architekturen, die im Laufe der Zeit entsprechend den Bedürfnissen der Bewohnerinnen vervollständigt, umgestaltet und somit auch auf Veränderungen in der Andacht und der liturgischen Nutzung reagierten.7 So bewahrt der Nonnenchor, obwohl er stark umgestaltet wurde, eine Galerie aus dem späten 15. und frühen 16. Jahrhundert. Sie kann im Rahmen ihrer möglichen Verwendungszwecke verstanden werden und steht mit anderen Gebäuden und Stücken in der Umgebung von Kastilien in Verbindung. Ebenfalls erwähnenswert ist die bekannte Kapelle des Santísimo Cristo aus dem 16. Jahrhundert, die an den westlichen Teil des Evangelienschiffs angebaut ist und die auf die Entstehung einer Verehrung um ein spätmittelalterliches Christus Skulptur hinweist.

Fazit

Architektur und Kunstwerke, die in ihrem Kontext und in Bezug auf ihre möglichen Verwendungen verstanden werden, können weiterhin Hinweise auf das Kloster Santa Clara in Palencia liefern. Sie sollten unter methodischen Gesichtspunkten wie der Materialität und im weiteren Sinne unter Berücksichtigung der Rhetorik des Bildes und seiner Ausdrucksmittel analysiert werden. Bewahrte Objekte und Räume, ob in situ oder in Museen, stellen eine Art Puzzle dar, in dem die Diskurse über den spätmittelalterlichen Tod, die observante Reform oder die Besonderheiten der weiblichen Spiritualität in Klöstern untrennbar miteinander verwoben sind.


Photo: Detail des Gewölbes des Querschiffs der Kirche Santa Clara in Palencia mit den Wappen der Admirale in der Mitte und denen ihrer Ehefrauen ringsherum, by María Carrión.

  1. Die Kunstgeschichte des Mittelalters verändert die Art und Weise, wie sie sich den visuellen Artefakten nähert, und auch die Disziplinen, von denen aus sie dies tut. Literatur-, Kultur- und Geschichtswissenschaft analysieren mit neuem Interesse und neuen Methoden die künstlerischen Werke und Objekte, die uns die mittelalterlichen Jahrhunderte vermacht haben. Aus diesem Grund wird die Arbeit des Kunsthistorikers diffuser und komplizierter für diejenigen, die sich mit dem ebenso diffusen Etikett der mittelalterlichen Kunst befassen, das heute für viele mittelalterliche Objekte durch das des Bildes, des Objekts oder des visuellen Artefakts ersetzt wird. Zum Begriff des Bildes im Mittelalter: H. Belting, Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst (München, C. H. Beck, 2000), pp. 457-545. [↩]
  2. Als einer der ersten Bezugspunkte für das Studium der Frauenklöster in Europa ist J. Hamburger and S. Marti (ed.), Crown and Veil. Female monasticism from the fifth to the fifteenth centuries (New York, Columbia University Press, 2008) neben anderen Werken von J. Hamburger zu erwähnen. Zur Architektur von Frauenklöstern und ihrer liturgischen Nutzung siehe den Beitrag: C. Jäggi, Frauenklöster im Spätmittelalter: die Kirchen der Klarissen und Dominikanerinnen im 13. und 14. Jahrhundert (Petersberg, Michael Imhof, 2006). [↩]
  3. Die Spanische Enteignung von Kirchengütern im 19. Jahrhundert oder die zahlreichen Verkäufe von Kulturgütern, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten exportiert wurden, sind einige der Ursachen für den Verlust des Kulturerbes in Kastilien. M. J. Martínez Ruiz, J. M. Merino de Cáceres, La destrucción del patrimonio artístico español. W.R. Hearst: “el gran acaparador” (Madrid, Cátedra, 2012), p. 23. Ein Beispiel für den Verlust von Dokumenten ist das Archiv der Admiralität Enríquez, das ursprünglich in Medina de Rioseco untergebracht war und bei einem Brand zahlreiche Dokumenten verlor. P. Martínez Sopena, El señorío de Medina de Rioseco bajo el almirante Alfonso Enríquez: 1389-1430 (Valladolid, Universidad de Valladolid, 1977), p. 13. [↩]
  4. M. de Castro y Castro, El Real Monasterio de Santa Clara de Palencia y los Enríquez, Almirantes de Castilla (Palencia, Institución Tello Téllez de Meneses, Diputación Provincial, 1982), p. 23. [↩]
  5. In den Quellen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert wird eine beeindruckende Grabstätte erwähnt. Die vollständigste Beschreibung, wenn auch sehr spärlich, stammt vom Archidiakon von Alcor, Alonso Fernández de Madrid im Jahr 1539. A. Fernández de Madrid and J. San Martín Payo, Silva palentina (Palencia, Diputación Provincial, 1976), p. 39. [↩]
  6. Das Wappen der Familie Enríquez hat die gleichen Farben und Motive (Löwe und Türme) wie das der kastilisch-leonesischen Monarchie. Diese visuelle Angleichung zeigt eine königliche Verbindung zwischen den Enríquez und Trastámara Familien. F. Menéndez Pidal, Heráldica Medieval Española. La casa real de León y Castilla (Madrid, Instituto Salazar y Castro, C.S.I.C, 1982), p. 259. [↩]
  7. C. A. Bruzelius, Preaching, Building and Burying. Friars in the Medieval City (New Haven and London, Yale University Press, 2014) p. 16. [↩]

„in munere filiam nostram nomine Tegridiam“ – Die Leitung des Klosters San Salvador de Oña als abbatissa oder domina?

Dania Lins, Universität Paderborn

Abstract: The focus of Dania Lins’ dissertation project is to examine the participation of unmarried royal daughters in the rule of Castile and Leon, their form, status and underlying property between the 10th and 12th centuries, as well as their intertwining with the specifically Iberian infantaticum. That the question of the daughters’ status cannot be answered unequivocally, especially in the early 11th century, will be demonstrated by the exemplary work on Tigridia, daughter of Count Sancho Garcia of Castile.

Zusammenfassung: Die Untersuchung der Teilhabe unverheirateter Königstöchter an der Herrschaft in Kastilien-León, deren Ausgestaltung, Status und zugrundeliegender Besitz zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert sowie deren Verflechtung mit dem spezifisch iberischen Infantaticum stehen im Fokus des Dissertationsprojektes von Dania Lins. Dass die Statusfrage dieser Töchter insbesondere im frühen 11. Jahrhundert nicht eindeutig zu beantworten ist, soll die beispielhafte Ausführung über Tigridia, Tochter des Grafen Sancho Garcia von Kastilien, darlegen.

In Kastilien-León bekleideten unverheiratete Königstöchter bedeutende Positionen im Reich ihrer Väter und Brüder. Diese weibliche Herrschaftsausübung gründete sich vorranging auf das sogenannte Infantaticum,1 umfangreiche Güter- und Verwaltungskomplexe, welche den Töchtern als Besitz übertragen wurden. Dass es sich bei diesen Königstöchtern um machtpolitisch und vor allem weltlich agierende Frauen handelte, belegen ihre vielfältigen dokumentarischen Zeugnisse ab der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts. So sind die Töchter Fernandos I., Urraca und Elvira, an der Hälfte der erhaltenen Herrscherurkunden ihres Bruders beteiligt, stellten eigene Urkunden aus und für Sancha, Schwester Alfons VII., ist in über 20 eigenständigen Urkunden der Titel „regina“ nachzuweisen.2 Aber wie entsteht dieses Infanticum und wer sind seine Wegbereiterinnen?

Die Praxis weiblicher Teilhabe an den Herrschaftsgebieten nimmt ihren Ursprung im 10. und frühen 11. Jahrhundert, als die Grafen von Kastilien wie auch die Könige von León große Familienklöster gründeten, denen je eine ihrer Töchter vorstand.3 Durch die enge Verbindung zu einem Kloster werden diese Töchter beständig als Äbtissinnen angesehen; so auch Tigridia, die Tochter des Grafen Sancho Garcia. Im Februar 1011 stiftete das Grafenpaar von Kastilien, Sancho Garcia und Urraca, ein Kloster zu Ehren von San Salvador, Santa Maria und San Miguel in Oña am Rande des Flusses Oca. Sie statteten es mit über 100 im Gründungsdiplom aufgeführten Orten, Kirchen, Klöstern und Ländereien so umfangreich aus, dass Oña zum reichsten Kloster Kastiliens avancierte. Bestimmt war dieser Klosterkomplex für ihre Tochter Tigridia, die als „Vorsteherin und Leiterin“ eingesetzt wurde.4 Aufgrund dieser Umschreibung wird Tigridia als die erste Äbtissin von Oña wahrgenommen, die von ihren Eltern in ein monastisches Leben übergeben wurde. Der Äbtissinnen-Status bestätigt sich, so scheint es, in einer Urkunde Sancho „el Mayors“ aus dem Jahr 1017, in der der König von Navarra Tigridia das Kloster Santa Maria de las Muelas überträgt: „dono et concedo ad uso domna Tigridia abbatissa.“5 Die Authentizität dieser Urkunde ist jedoch hinsichtlich des angeführten Titels von Sancho als „re[x] Hyspaniarum“, der fehlerhaften historischen Zusammenhänge und der Zeugenliste mehr als zweifelhaft. Auch die explizite Nennung Tigrides als „abbatissa“ könnte diese Annahme stützen: Jimeno Aranguren und Pescador Medrano datieren dieses stark interpolierte oder gefälschte Diplom auf das Jahr 1033.6 In dieser Zeit gehörte das Gebiet um Oña zum navarresischen Herrschaftsgebiet, das unter Sancho III. eng mit der Reformabtei Cluny interagierte und Oña, wie schon zuvor San Juan de la Peña, in eine kanonisch regulierte Benediktinerabtei umwandelte. Sich in die Tradition einer Abtei zu stellen, deren Leitung von einer Grafentochter ohne monastische Amtsbezeichnung übernommen wurde, wird bei den Clunyazensern auf wenig Gegenliebe gestoßen sein. Ein möglicher Grund, weshalb in der interpolierten Urkunde Tigridia nicht nur als „domna“ sondern auch als „abbatissa“ bezeichnet wird; ein Titel, der sich in keiner anderen kastilischen Urkunde wiederfinden wird.

Die diplomatischen Zeugnisse über diese Herrschertochter sind jedoch rar gesät. Sie wird lediglich in der Gründungsurkunde des Klosters namentlich erwähnt: „filiam nostram nomine Tegridiam“.7 Eine kanonische Statusbeschreibung findet sich hier nicht. Die sieben weiteren Urkunden aus dem Frühjahr 1011, die im Zusammenhang mit der Gründung und Ausstattung des Klosters durch das Grafenpaar ausgestellt wurden, führen Tigridia weder im Text noch in der Zeugenliste. Erst im Jahr 1014 nennt der Graf Tigridia explizit bei einer Schenkung. In der Urkunde heißt es: „concedimus tibi filia nostra dulcissima cognominata Tegridia“.8 In einer privaten Schenkung aus dem Jahr 1016 an Oña wird sie wiederum als „domina Tegridia“((Colección diplomática de San Salvador de Oña (822 – 1284), Juan del Álamo [Hrsg.], 1950, Urk. 18.)) bezeichnet. Ein Verweis auf den Status als Äbtissin fehlt in beiden Fällen. Ein größerer Urkundenkorpus steht für diese Tochter leider nicht zur Verfügung, womit die eindeutige Statusbeschreibung diese Grafentochter undeutlich bleibt. Für ihre beiden Tanten Urraca und Oneca in den weiteren kastilischen Gründungen Covarrubis und Cillaperlata sind diese Quellenbestände umfänglicher, wodurch ihre machtpolitische Einflussnahme deutlicher nachzuvollziehen ist, als dies für Tigridia möglich ist. Als Äbtissinnen werden auch diese beiden Grafentöchter nicht bezeichnet.9 Dies kann ein Beleg dafür sein, dass bereits für diese Generation von Töchtern eine eher verwaltende, herrschaftssichernde Aufgabe vorgesehen war als eine kanonisch regulierte. Im Kontext der künftigen filiae regis könnten Tigridia in Oña, Urraca in Covarrubias und Oneca in Cillaperlataals Wegbereiterinnen der folgenden autarken Infantinnen verstanden werden, die nachweislich kein zurückgezogenes, monastisches Leben führten, sondern neben ihren Brüdern machtpolitisch agierten.


Photo: Reliquiar Tigridias aus dem 16. Jahrhundert, eigene Photographie, Ausstellung Oña 2017.

  1. Die erste urkundliche Erwähnung fand das Infantaticum als Besitzkategorie von Königstöchtern im Jahr 1089; Alfonso VI: Cancillería, curia e imperio, I. Estudio, II. Colección diplomática, Andrés Gambra Gutiérrez [Hrsg.], León 1998 (Fuentes y estudios de historia leonesa, 63), Urk. 100, S. 262ff. [↩]
  2. vgl. hierzu Gambra Gutiérrez (1998); Luisa Garcia Calles: Doña Sancha. hermana del emperador, León 1972 (Fuentes y estudios de historia leonesa, 7), S.153ff. [↩]
  3. Zu den Klöstern in Kastilien zählten San Pelayo de Oviedo, San Cosme y San Damian de Covarrubias sowie San Juan de Cillaperlata. [↩]
  4. Ego, quidem Sancius comes et vxor mea Vrraca cometissa … oferre in munere filiam nostram nomine Tegridiam et elegimus eam ut preeset ad regendos Dei cultores et omnes Deo devotas,… Colección diplomática de los Condes de Castilla. Manuel Zabalza Duque [Hrsg.], Salamanca 1998, Urk. 64, S. 460. [↩]
  5. Coleccion Documental de Sancho Garces III, el Mayor, Rey de Pamplona (1004-1035). Roldán Pescador, Aitor Jimeno [Hrsg.], Urk. 19, S. 106ff. [↩]
  6. vgl. ebd. S. 109; Mañaricúa Nuere, Andrés E. de: Obispados en Álava, Guipúzcoa y Vizcaya hasta fines del siglo XI, Vitoria 1963, S. 81. [↩]
  7. Zabalza, Urk. 64, S. 460ff. [↩]
  8. Ebd. Urk. 74, S. 351ff. [↩]
  9. vgl. Cartulario del infantado de Covarrubias, Luciano Serrano [Hrsg.], Valladolid 1907, Urk. 11-16. [↩]