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Muslime als Experten in den repartimientos von Sevilla und Écija (ca. 1248–1268): Funktion, Wahrnehmung und Routine

Maximilian Schesler, Universität Münster

Abstract: This article examines the exemplary cases of Sevilla and Écija, taking into account their surrounding countryside, to investigate the role of experts in the process of repartimientos in 13th-century Andalusia. Therefore, it applies the methodological approach of the Research Training Group in Göttingen “Expertenkulturen” to shed new light on the phenomenon of repoblación through a sociology-of-knowledge approach. The study focuses on the communicative construction and performative production of the role of Muslim experts. It is based on a master’s seminar paper completed in the autumn term of 2025/26.

Resumen: El siguiente artículo examina el papel de los expertos asesores en la repoblación de la zona de Sevilla y Écija, incluyendo sus alrededores. Se aplica el enfoque metodológico de la Escuela de Posgrado en Göttingen sobre “Expertenkulturen” para intentar profundizar en el conocimiento de la repoblación a través de un planteamiento de la sociología del saber. El artículo llama la atención sobre la proyección discursiva y la puesta en escena performativa del papel de los expertos musulmanes. El texto se basa en un trabajo escrito del máster que fue terminado en el semestre de invierno de 2025/26.

Zusammenfassung: Der Beitrag untersucht exemplarisch anhand der Fälle Sevilla und Écija sowie unter Berücksichtigung umliegender Ortschaften die Konsultation von Experten bei den repartimientos in Andalusien in der Mitte des 13. Jahrhunderts. Dabei wird der methodologische Ansatz des Göttinger Graduiertenkollegs zu „Expertenkulturen“ angewandt, um einen möglichen Erkenntnisgewinn einer wissenssoziologischen Herangehensweise an das Phänomen der repoblación zu erproben. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der kommunikativen Markierung und performativen Inszenierung der Expertenrolle muslimischer Wissensträger. Der Text basiert auf einer Masterseminararbeit, die im Wintersemester 2025/26 abgeschlossen wurde.

Als die kastilischen Eroberer am 23. November 1248, dem Geburtstag ihres Infanten Alfons, nach langer Belagerung die Hoheit über Sevilla erlangten, näherte sich die militärische Seite ihrer Eroberungen im Süden der Iberischen Halbinsel ihrem vorläufigen Höhepunkt. Das Streben nach tatsächlicher Beherrschung der neuen Gebiete führte zu demographischen und politischen Umwälzungen, die unter dem Stichwort der repoblación seit Erscheinen der monumentalen Studie Julio González‘1 breit erforscht wurden. Die repartimientos, die Verteilung von Gütern und Liegenschaften in den eingenommenen Gebieten an die Eroberer und christliche Siedler, waren das zentrale Instrument der repoblación. Die Forschung konzentrierte sich zumeist auf die Fragen nach geographischer Herkunft, sozialer Zugehörigkeit und militärischer Funktion der Siedler oder auf die institutionellen und rechtlichen Rahmenbedingungen der Ansiedlung.

Ein engerer Fokus auf die spezifischen Herausforderungen der repartimientos und der zu ihrer Lösung verfolgten Bewältigungsstrategien kann sich auf den wissenssoziologischen Ansatz des bis 2018 von der DFG geförderten Graduiertenkollegs 1507 „Expertenkulturen des 12. bis 18. Jahrhunderts“ stützen, der in der spanischen Mediävistik bisher nicht rezipiert wurde.2 Hierbei wird das Phänomen von Experten als Träger eines spezifischen, problemorientierten Sonderwissens und die Fortschreibung des Gebrauchs solchen Expertenwissens durch dessen institutionelle Verfestigung und soziale Verfügbarmachung aus einer rollentheoretischen Perspektive in den Blick gerückt.3 Bei einer Untersuchung der Personen(gruppen), der kommunikativen Markierung ihrer Expertenrolle und den Rahmenbedingungen und Folgen ihres Handelns fällt die Rolle muslimischer Experten ins Auge, die gewissermaßen als ‚cultural broker‘ bei den repartimientos in Erscheinung treten.4

Auf die Untersuchung historiographischer Quellen wurde nach einer stichprobenartigen Konsultation der Estoria de España verzichtet; ergiebiger sind einerseits die libros de repartimiento, im Wesentlichen Namen- und Güterlisten, in welchen die Ergebnisse der repartimientos festgehalten werden. Aufgrund der Überlieferung bieten sich Sevilla und Écija als Untersuchungsfälle an. Andererseits wurden Urkunden berücksichtigt, in welchen Gebietsstreitigkeiten zwischen den institutionellen Profiteuren der repartimientos geschlichtet wurden – etwa zwischen den städtischen concejos, der Kirche von Córdoba und den Orden von Santiago und Calatrava.5

Wissensakteure in den repartimientos

In Sevilla und Écija folgten die repartimientos dem üblichen Muster: In beiden Fällen wurden Kommissionen von partidores eingerichtet, welche sich aus Vertretern unterschiedlicher Personengruppen zusammensetzten. Geistliche, militärische Funktionäre und Adlige wirkten als politisch verantwortliche Delegierte, die im Auftrag des Königs (und im Falle Écijas auch der Königin) handelten. In Sevilla entstammten die fünf partidores überwiegend den höchsten Rängen der Reichselite. Demgegenüber wirkten auf technischer Ebene – in Sevilla durch subsidiäre Kommissionen in den collaciones (Viertel bzw. Pfarrbezirke) repräsentiert – Schreiber und Amtsträger, die für die Informationsverarbeitung zuständig waren. Oftmals wurden die partidores von Experten unterstützt, die nicht formell in die Kommissionen berufen worden waren und technisches Wissen bereitstellten – etwa für die Erfassung der Güter und die Abgrenzung der Bezirke.

In vielen Fällen wurde versucht, die räumliche Struktur der Ortschaften aus islamischer Zeit (en tiempo de moros) zu erhalten. Daher wurden vielfach explizit ortsansässige muslimische Notabeln mit der Abgrenzung der términos beauftragt, die auf Wissensbestände zurückgreifen konnten, welche den christlichen partidores nicht zur Verfügung standen. Diese Muslime waren jedoch nicht Teil der Kommissionen der partidores.

Die Wahrnehmung muslimischer Expertise

Die religiöse Identität der Experten findet im Falle der Muslime ihren Niederschlag in der kommunikativen Markierung ihrer Expertenrolle. Werden die Mitglieder der Kommissionen zumeist als partidores bezeichnet, die situativ konsultierten Experten ebenfalls als partidores, medidores etc., so weicht die Bezeichnung der muslimischen Wissensträger von dieser Praxis ab. Im libro de repartimiento von Écija und in mehreren Urkunden finden sich Bezeichnungen wie moros viejos e sabidores del término, moros omnes bonos sabidores destas comarcas en derredor, moros buenos e leales de tierra del rey de Granada oder moros que sopiessen los términos destos logares commo fueron en tiempo de moros.6

Die Zuschreibung von Expertise aus der Fremdsicht rekurriert somit häufig auf das Wortfeld saber/sabidor, welches ausschließlich in Zusammenhang mit der Kenntnis der politischen (término) oder geographischen (tierra) Topographie auftritt. Anders als der etymologische Zusammenhang mit lat. sapientia suggeriert, wird damit auf keine holistische Wissenskonzeption (‚Weisheit‘) verwiesen, sondern auf ein situativ bestimmtes Sonderwissen, dessen die christlichen concejos, Orden, Kirchen, Könige und partidores ermangelten.7 Die Bezeichnung viejo sowie omnes bonos oder buenos scheint auf das arabische Wort šaiḫ hinzudeuten, welches von den christlichen Schreibern der Urkunden wohl mit den kastilischen hombres buenos gleichgesetzt wurde. Zumeist entstammten die muslimischen Experten also den Eliten ihrer Gemeinden (aljamas).8

Schrift- und Sprachexperten

Im Prozess von der Erteilung des Auftrages zum repartimiento bis zur Ratifizierung der Ergebnisse durch den König erfolgten mehrere Stadien schriftlicher Fixierung, die ohne spezifische Kenntnisse im Bereich der Schrift und des Kanzleiwesens undenkbar waren. Neben den königlichen Schreibern und Notaren traten auch die beteiligten Muslime als Schriftexperten in Erscheinung.  In zwei Urkunden vom 22. Februar 1263 werden diese intermediären Arbeitsschritte schriftlicher Fixierung explizit in inserierten Urkundenabschnitten genannt, wobei in einem Fall die Abfassung von cartas in arabischer Sprache betont wird, die dem König in volkssprachlicher Übersetzung (en ladino) vorgelegt wurden.9 In beiden Fällen wurden Muslime, die auf Anfrage der kastilischen Seite von Muḥammad I. aus Granada gesandt wurden, unter Eid über Grenzverläufe befragt. Der explizite Verweis auf die Kenntnis der arabischen Sprache dürfte vor diesem Hintergrund als Legitimation ihres Expertenhandelns seitens der muslimischen Notabeln zu sehen sein, denn ohne ihre Intermediation wäre kein Transfer des Wissens der Muslime aus Granada denkbar.

Performative Inszenierung der Expertenrolle

Eine im Zusammenhang mit den involvierten Muslimen oft in den Quellen betonte Praxis der performativen Inszenierung von Expertise ist die Aussage unter Eid. Die bereits genannten Muslime aus Granada wurden wie sachverständige Zeugen vor Gericht behandelt, was ein Abgleich des Urkundentextes mit den einschlägigen Passagen der Siete Partidas veranschaulicht.10 Hier diente die Vereidigung der Herstellung von Evidenz und Rechtssicherheit.

Vereidigt wurden darüber hinaus auch die königlichen Schreiber und moros viejos e sabidores, die als Experten konsultiert wurden. Bei den muslimischen Experten findet sich in den Quellen allerdings eine auffällige Häufung des Verweises auf ihre Vereidigung;11 womöglich waren die partidores im Falle muslimischer Expertise besonders erpicht darauf, deren Glaubwürdigkeit vor möglicher Kritik oder Expertenskepsis zu schützen? Im Akt der Vereidigung selbst erfolgte eine scharfe Abgrenzung der christlichen Autoritäten als Abnehmer des Eides von der muslimischen Glaubenslehre, wie eine Urkunde Alfons‘ X. für den concejo von Úbeda aus dem Jahr 1260 bezeugt, in welcher dargelegt wird, auf welche Weise Christen, Juden und Muslime einen Eid zu schwören haben.12 Im performativen Akt der Vereidigung findet sich folglich einerseits ein Moment der Abgrenzung, das auf religiös-dogmatischer Ebene angelegt ist, doch stellt der Akt selbst, andererseits, einen Inklusionsmechanismus dar, mit welchem muslimisch vermitteltes Wissen in spezifischen Kommunikationssituationen beglaubigt und somit nutzbar gemacht wird.

Fazit

In der Mitte des 13. Jahrhunderts war bereits der Stand einer eingespielten Routine im Vorgehen bei den repartimientos erreicht. Dies zeigt sich zuvörderst hinsichtlich des konsultierten Personalbestandes und der Verfahren der Wissenserhebung. Der Rekurs auf muslimisch vermitteltes Wissen gehörte im Falle Andalusiens ebenfalls zum üblichen Verfahren. Die grundlegende Bedeutung von Sprache und Schriftlichkeit, in Sonderheit des Arabischen, für den Wissenstransfer in einer Region, die sich im 13. Jahrhundert in einem tiefen Umbruch befand, wurde durchaus erkannt. Das betraf nicht allein den Bereich gelehrten Wissens, auf den die Gründung der Estudios e Escuelas Generales de latín e de arábigo in Sevilla 1254 durch Alfons X. verweist, sondern auch Bereiche von praktischer, alltäglicher Relevanz: Dies wurde am Beispiel der repartimientos und der Beilegung von Grenzkonflikten gezeigt, die als typische Erscheinungen des iberischen Grenzraumes verstanden werden können, der auch in sprachlicher Hinsicht ein Kontaktraum war.13

Der Befund deutet trotz aller zeitgenössisch umlaufender Religionspolemik auf einen pragmatischen Umgang mit muslimischen Wissensträgern und über das Arabische vermitteltem Wissen hin, der für die Regierungszeit Alfons‘ X. durchaus charakteristisch war.14


Photo: Fassade der Kathedralmoschee von Cordoba, in: Wikimedia Commons, URL: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CordobaMezquita01.jpg] (29.07.2026).

  1. González, Julio, Repartimiento de Sevilla. Estudio y edición. II vols. (Consejo Superior de Investigaciones Científicas. Escuela de Estudios Medievales, Textos 15), Madrid 1951. Die Erforschung der andalusischen repoblación ist darüber hinaus eng mit dem wissenschaftlichen Œuvre Manuel González Jiménez‘ verknüpft. []
  2. Hier ist allein ein Beitrag zu nennen: Martínez Sopena, Pascual, Poblar y repartir en el siglo XIII. Expertos y experimentación en la corona de Castilla, in: Laurent Feller/Ana Rodríguez (eds.), Expertise et valeur des choses au Moyen Âge. Vol. II: Savoirs, écritures, pratiques (Collection de la casa de Velázquez 156), Madrid 2016, 57–84. Die vorliegende Untersuchung profitiert vom genannten Beitrag, der eine ähnliche Richtung einschlägt und nach Experten fragt, dabei allerdings einen weiten Rahmen ausfüllt und nicht auf der hier verfolgten methodologischen Richtung basiert und somit zu anderen Ergebnissen kommt. []
  3. Vgl. stellvertretend Rexroth, Frank, Systemvertrauen und Expertenskepsis. Die Utopie vom maßgeschneiderten Wissen in den Kulturen des 12. bis 16. Jahrhunderts, in: id./Björn Reich/Matthias Roick (eds.), Wissen, maßgeschneidert. Experten und Expertenkulturen im Europa der Vormoderne (HZ. Beihefte NF 57), München 2012, 12–44; id./Schröder-Stapper, Teresa, Woran man Experten erkennt. Einführende Überlegungen zur performativen Dimension von Sonderwissen während der Vormoderne, in: id. (eds.), Experten, Wissen, Symbole. Performanz und Medialität vormoderner Wissenskulturen (HZ. Beihefte NF 71), München 2018, 7–26. []
  4. Vgl. zum Konzept des ‚cultural broker‘ von der Höh, Marc/Jaspert, Nikolas/Oesterle, Jenny Rahel, Courts, Brokers and Brokerage in the Medieval Mediterranean, in: id. (eds.), Cultural Brokers at Mediterranean Courts in the Middle Ages (Mittelmeerstudien 1), Paderborn 2013, 9–31. []
  5. Die Texte der libros de repartimiento liegen ediert vor. Sevilla: González, Repartimiento de Sevilla. Vol. II (wie Anm. 1); Écija: Sanz Fuentes, María Josefa, Repartimiento de Écija, in: Historia, instituciones, documentos 3 (1976), 533–551, sowie González Jiménez, Manuel, Repoblación y repartimiento de Écija, in: id., La repoblación del reino de Sevilla en el siglo XIII (Biblioteca de Bolsillo. Divulgativa Collectanea Limitanea 60), Granada 2008, 13–56. Hier zit. nach Sanz Fuentes. Die Urkunden sind ediert in Diplomatario andaluz de Alfonso X, ed. Manuel González Jiménez, Sevilla 1991. []
  6. In der Reihenfolge der Zitate: Ed. Sanz Fuentes (wie Anm. 5), 543; Diplomatario andaluz (wie Anm. 5), Nr. 252; 188; 260f. []
  7. Vgl. zu holistischen Wissenskonzepten in diesem Zusammenhang Rexroth, Systemvertrauen (wie Anm. 3), 23f. []
  8. Auf die Übersetzung von šaiḫ mit viejo hat bereits Martínez Sopena (wie Anm. 2) verwiesen (dort Anm. 46). Der Terminus šaiḫ ist polysem und durchaus mit dem ebenfalls vagen hombres buenos in Beziehung zu setzen, vgl. zu letzteren González Jiménez, Manuel, Los municipios andaluces en la Baja Edad Media, in: Archivo hispalense 69/210 (1986), 63–83, hier 72. []
  9. Vgl. Diplomatario andaluz (wie Anm. 5), Nr. 260f. []
  10. Vgl. Diplomatario andaluz (wie Anm. 5), Nr. 261 mit Partida III, ed. Gregorio López, Salamanca 1555, XI; XVI, 23–27. []
  11. Im libro de repartimiento von Écija tauchen allein in der Passage, in welcher die Abgrenzung der aldeas geschildert wird, neun Varianten der Formulierung que estos moros dixeron por la jura que juraron auf, vgl. ed. Sanz Fuentes (wie Anm. 5), 543f. []
  12. Vgl. Diplomatario andaluz (wie Anm. 5), Nr. 225. Der Wortlaut der Urkunde ist beinahe identisch mit den Gesetzen der Siete Partidas, vgl. Partida III (wie Anm. 10), XI, 19–21. []
  13. Vgl. Jaspert, Nikolas, Grenzen und Grenzräume im Mittelalter. Forschungen, Konzepte und Begriffe, in: id./Klaus Herbers (eds.), Grenzräume und Grenzüberschreitungen im Vergleich. Der Osten und der Westen des mittelalterlichen Lateineuropa (Europa im Mittelalter. Abhandlungen und Beiträge zur historischen Komparatistik 7), Berlin 2007, 43–70, bes. 48 und 56–62. []
  14. Am 13. Dezember 1263 verfügte Alfons X., dass geeignete muslimische Personengruppen an jeweils zwei Tagen im Jahr zu Arbeiten für den materiellen Erhalt der Moschee von Córdoba heranzuziehen seien, vgl. Diplomatario andaluz (wie Anm. 5), Nr. 273. Barbara Schlieben hat aufgezeigt, wie die Rezeption von Wissensbeständen, die über muslimisch-arabische Vermittler zugänglich gemacht wurden, spezifische Rechtfertigungsstrategien auslösen konnte, vgl. Schlieben, Barbara, Verspielte Macht? Politik und Wissen am Hof Alfons‘ X. (1252–1284) (Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel 32), Berlin 2009, 149–151. Dennoch bestanden in der Praxis oft keine Hemmungen bei der Nutzung solcher Wissensbestände; so rezipierte etwa die General Estoria Quellen islamisch-arabischer Provenienz, um nur ein Beispiel herauszugreifen, vgl. Fernández-Ordoñez, Inés, Las Estorias de Alfonso el Sabio (Biblioteca española de lingüística y filología 5), Madrid 1992, 173–202. John Tolan deutet die Rezeption ‚arabischen‘ und ‚islamischen‘ Wissens am alfonsinischen Hof als „Hispanisierung“ und „Christianisierung“ der Wissensbestände, vgl. Tolan, John Victor, Saracens. Islam in the Medieval European Imagination, New York 2002, 192f. []

Erwerb und Verwaltung kirchlichen Grundeigentums: Das Kollegiatstift St. Christophorus von Coimbra (12. und 13. Jahrhundert)

Monika Aring da Silva Ramos Mauro, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Abstract: This article examines the acquisition and administration of church property in Portugal in the 12th and 13th centuries, using the example of the Collegiate Church of St. Christopher in Coimbra. The conquest of the city and its surrounding area in 1064 and the associated political, demographic and ecclesiastical restructuring processes serve as the central historical framework. This article summarises the main findings of a seminar paper written during an Erasmus stay at the University of Coimbra in the winter semester of 2024/2025.

Resumo: O presente artigo analisa a aquisição e a administração do património eclesiástico em Portugal nos séculos XII e XIII, tomando como estudo de caso a Colegiada de São Cristóvão de Coimbra. A conquista da cidade e do seu termo em 1064, bem como os processos de reorganização política, demográfica e eclesiástica a ela associados, constituem o principal enquadramento histórico da análise. Este artigo sintetiza os principais resultados de um trabalho de seminário desenvolvido no âmbito de uma estadia Erasmus na Universidade de Coimbra, durante o primeiro semestre do ano letivo 2024/2025.

Zusammenfassung: Der vorliegende Beitrag untersucht den Erwerb und die Verwaltung kirchlichen Vermögens im Portugal des 12. und 13. Jahrhunderts am Beispiel des Kollegiatstifts St. Christophorus von Coimbra. Dabei dienen die Eroberung der Stadt und ihres Umlands im Jahr 1064 sowie die damit verbundenen politischen, demografischen und kirchlichen Neuordnungsprozesse als zentraler historischer Rahmen. Dieser Beitrag fasst die Hauptergebnisse einer Seminararbeit zusammen, die im Rahmen eines Erasmusaufenthaltes an der Universität Coimbra im Wintersemester 2024/2025 entstanden ist.

Die Geschichte der portugiesischen Stadt Coimbra reicht bis in die Antike zurück, als sie unter dem Namen Aeminium bekannt war. Wie weite Teile Portugals geriet die Stadt im Jahr 714 unter muslimischer Herrschaft. Erst 1064 wurde Coimbra von Ferdinand dem Großen, König von León, erobert, der die Regierung der Stadt dem mozarabischen Ritter Sesnando Davides übertrug. Während seiner Amtszeit widmete sich Sesnando vor allem der Sicherung der Grenze gegenüber der muslimischen Welt sowie der Förderung der Besiedlung der Stadt und ihres Umlandes.

Mit der Wahl Paternos zum Bischof im Jahr 1080 wurde auch die Diözese von Coimbra wiederhergestellt. Dieser ging ein Bündnis mit Sesnando ein, mit dem Ziel, die kirchlichen Strukturen Coimbras neu zu organisieren. Diese kirchliche Reorganisation war weniger durch die Notwendigkeit motiviert, den lokalen christlichen Glauben zu erneuern, der sich aufgrund der starken Präsenz mozarabischer Gruppen während der muslimischen Herrschaft vergleichsweise lebendig erhalten hatte. Vielmehr zielte die diözesane Neuordnung auf die Schaffung von Mechanismen zur Beherrschung, Strukturierung und Nutzung des „neuen“ Territoriums sowie seiner wachsenden Bevölkerung ab.1

Sowohl der Besiedlungsprozess als auch die Umstrukturierung des kirchlichen Netzes von Coimbra setzten sich während der Regierung des Grafen (und späteren Königs) Alfons fort. Dieser ließ sich 1131 in der Stadt nieder, nachdem er den Hof von Guimarães nach Coimbra verlegt und die Stadt zur Hauptstadt der Grafschaft Portucale erhoben hatte. Die Ankunft Alfons‘ in Coimbra und die Fortführung der Politik zur Förderung der Besiedlung durch Schenkungen und territoriale Konzessionen führten zu einem erheblichen wirtschaftlichen Wachstum sowohl im ländlichen als auch im städtischen Raum. Dieses zog wiederum noch mehr Menschen nach Coimbra und bewirkte einen deutlichen demografischen Anstieg. Diejenigen, die von den Vorteilen des städtischen Lebens angezogen wurden, jedoch keinen Platz innerhalb der Stadtmauern fanden, ließen sich in den Vorstädten Coimbras nieder. Diese entwickelten sich rasch zum bevölkerungsreichsten Teil der Stadt.2

Das Bevölkerungswachstum betonte neuerlich die Notwendigkeit, die Einwohner Coimbras zu organisieren und in klar definierten Pfarreien zu integrieren. Im Hoch- und Spätmittelalter stellte die Pfarrei die stabilste Einheit der portugiesischen Gesellschaft dar und fungierte als Kern sämtlicher bevölkerungsbezogener, sozioökonomischer und religiöser Aktivitäten. Im 12. Jahrhundert durchlief Coimbra einen intensiven Prozess der pfarrlichen Aufteilung, der zur Schaffung von neun verschiedenen Pfarreien innerhalb und außerhalb der Stadtmauern führte. Innerhalb der Mauern, unweit von der Kathedrale, wurde eine dem heiligen Christophorus geweihte Kirche errichtet, die als Sitz der gleichnamigen Pfarrei diente und deren Kanoniker sich in einem Kollegiatstift organisierten.

Zum Grundeigentum des Kollegiatstifts St. Christophorus von Coimbra

Über die Anfänge des Kollegiatstifts St. Christophorus von Coimbra ist wenig bekannt, da keine Gründungsurkunde überliefert ist. Sicher ist jedoch, dass die Stiftskirche spätestens seit 1108 bestand.3 Das mittelalterliche Kirchengebäude existiert heute nicht mehr, da es im Jahr 1860 für den Bau eines inzwischen ebenfalls verfallenen Theaters abgerissen wurde. Demgegenüber ist heutzutage im portugiesischen Zentralarchiv, der  Torre do Tombo in Lissabon, eine umfangreiche hoch- und spätmittelalterliche Dokumentation überliefert, die unter anderem Schenkungsurkunden sowie Kauf-, Tausch- und Pachtverträge der Kirche umfasst. Diese Quellen ermöglichen einen einzigartigen Einblick in die Strategien des Erwerbs und der Verwaltung städtischen und ländlichen Besitzes einer jungen Stiftspfarrkirche in einer Phase tiefgreifender politischer, wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen.

Ein wesentlicher Teil der kirchlichen Einkünfte stammte aus den Ländereien, die das Kollegiatstift innerhalb und außerhalb der Stadtmauern Coimbras besaß. Die Quellen des 12. und frühen 13. Jahrhunderts sind vor allem durch den Erwerb städtischen und ländlichen Besitzes geprägt. Neben vereinzelten Kauf- und Tauschgeschäften spielten insbesondere testamentarische Schenkungen eine zentrale Rolle, die somit die Stiftskirche mit ihren ersten Ländereien ausstatteten und die materielle Grundlage für den Unterhalt der Kanoniker über die üblichen Gemeindegaben hinaus sicherten. Von besonderer Bedeutung war dabei das Wirken einer lokalen Familie namens Anaia, auf die die umfangreichsten Landschenkungen zurückgehen. Ihre enge Beziehung zur Stiftspfarrkirche ist über mehrere Generationen hinweg nachweisbar.

Mit der Eroberung der Stadt Coimbra und ihrer Umgebung im Jahr 1064 gingen die zuvor unter muslimischer Herrschaft stehenden Ländereien vor allem in das Eigentum weltlicher und gelangten in der Folge durch Schenkungen auch in kirchliches Eigentum. Die politische Herrschaft über das Land bedeutete jedoch nicht zwangsläufig dessen systematische Nutzung. Im Allgemeinen bestand ein Überfluss an Großgrundbesitz, der noch gerodet und kultiviert werden musste, während die hierfür erforderlichen menschlichen, materiellen und technischen Ressourcen begrenzt waren. Im Zuge der Wiederbesiedlungspolitik der Region wurden die enfiteutischen Vertragsbeziehungen schrittweise wiederhergestellt. Deren Ziel war es, die Ländereien wirtschaftlich nutzbar zu machen. Diesen Prozess beschreibt der portugiesische Jurist Mário Júlio de Almeida Costa als eine gelungene „Interessenkonvergenz zwischen jenen, die über unerschlossenes Land verfügten, und jenen, die die Arbeitskraft besaßen“.4 In Coimbra waren es vor allem kirchliche Institutionen, die über umfangreichen Landbesitz verfügten und diesen Prozess maßgeblich vorantrieben, darunter auch das Kollegiatstift St. Christophorus.

Während sich das Stift im 12. Jahrhundert vor allem um den Erwerb von Land bemühte, lässt sich im 13. Jahrhundert eine stärkere Ausrichtung auf die Nutzung und Verwaltung des bestehenden Vermögens feststellen. Nun begann das Stift seine Ländereien gezielt zu vergeben, um eine sesshafte Bevölkerung zu schaffen und zugleich regelmäßige sowie stabile Einkünfte zu erzeugen. Dabei lassen sich unterschiedliche Modalitäten der Vergabe des Landes beobachten, die sich vor allem nach der Größe des Landguts und seiner Entfernung zur Stadt richteten.

Der ewige Pachtvertrag (carta de foro, auch aforamento genannt) sah die dauerhafte Nutzung eines Grundstücks entweder durch die gesamte Einwohnerschaft einer Region oder durch eine einzelne Familie und deren Nachkommen vor. Diese Vertragsform wurde vor allem auf größere und außerhalb des Landkreises Coimbra gelegene Besitzungen angewandt, da gerade unbebaute und öde Gebiete besonders von einer kontinuierlichen Besiedlung und Bewirtschaftung profitierten. Aufgrund des häufig verwilderten Zustands dieser entlegenen Ländereien wurden die Naturalabgaben in den ersten Jahren des Vertrages vergleichsweise niedrig angesetzt.

Neben den dauerhaften Pachtverträgen sind auch befristete Vertragsformen belegt, die in zwei Typen unterschieden werden können. Die sogenannten emprazamentos waren auf die Lebenszeit des Pächters angelegt, während die arrendamentos auf wenige Jahre beschränkt waren, in der Regel weniger als zehn. Letztere Vertragsform war für beide Parteien weniger vorteilhaft und daher weniger verbreitet, da die kurze Laufzeit häufig zu einer intensiven Ausbeutung der Böden führte, was deren Fruchtbarkeit rasch beeinträchtigte.

Obwohl die aforamentos während des gesamten 13. Jahrhunderts vorkommen, lässt sich ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ein deutlicher Anstieg befristeter Verträge beobachten. Der emprazamento entwickelte somit gegen Ende des 13. Jahrhunderts zur bevorzugten Form der Landverwaltung des Kollegiatstifts. Die Beschreibung der verpachteten Parzellen zeigt zudem, dass diese Vertragsform vor allem für kleinere Grundstücke bevorzugt wurde, die sich im Landkreis Coimbra befanden, teils in unmittelbarer Nähe der Stadtmauern oder sogar innerhalb der befestigten Stadt. Diese Grundstücke verfügten in der Regel bereits über Olivenhaine, Weingärten sowie über die notwendigen Anlagen zur Verarbeitung der Ernte. Der Arbeitsaufwand hier war deutlich geringer als bei den großflächigen, weitentfernten Ländereien. Zudem bestanden die jährlichen Abgaben in den emprazamentos überwiegend aus Geld, was auf die zunehmende Monetarisierung der städtischen Wirtschaft zurückführen ist.

Fazit

Das Kollegiatstift St. Christophorus in Coimbra zeigt exemplarisch, wie kirchliche Institutionen im Zuge der christlichen Eroberung Portugals, der Neubesiedlung ehemals muslimischer Gebiete und der territorialen sowie kirchlichen Neuordnung Grundbesitz erwerben und verwalten konnten. Dabei lag der Fokus dieser Untersuchung auf den unterschiedlichen Formen der Verpachtung und darauf, wie diese dem Stift stabile Einkünfte sicherten und zugleich eine sesshafte Bevölkerung förderten. Insgesamt verdeutlicht das Beispiel des Kollegiatstifts, wie wirtschaftliche, soziale und territoriale Strategien miteinander verknüpft wurden, um die Stellung der Kirche in Stadt und Umland nachhaltig zu festigen.


Photo: Älteste Abbildung der Stadt Coimbra. Die Kirche St. Christophorus ist südlich der Kathedrale dargestellt und mit dem Buchstabe G gekennzeichnet, in: Braun, Georg; Hogenberg, Franz (Hrsg.), Civitates orbis terrarum, Bd. 5: Urbium praecipuarum mundi theatrum quintum, Köln 1599, S. 4a, URL: [https://doi.org/10.11588/diglit.16956#0035] (11.03.2026).

  1. Bastos, Mário Jorge da Motta, A estruturação da Igreja na Península Ibérica: a Diocese de Coimbra (sécs. XI–XII), in: Mirabilia26 (2018), S. 50, 55f. []
  2. Ventura, Leontina, Coimbra Medieval: Uma cidade em formação, in: Inventário do Museu Nacional Machado Castro. Colecção de Ourivesaria Medieval. Séculos XII‑XIV, hrsg. von Adília Alarcão , Lisboa 2008, S. 16; Campos, Maria Amélia Álvaro de, Cidade e Religião. A colegiada de Santa Justa de Coimbra na Idade Média, Coimbra 2017, S. 47, 52. []
  3. Aus diesem Jahr stammt eine Verkaufsurkunde, in dem ein Einwohner Coimbras namens Paio gemeinsam mit seiner Ehefrau Comba und einer weiteren Frau ein Haus neben der Kirche St. Christophorus an Cid und dessen Ehefrau Aldora verkaufte. Es handelt sich hierbei um die älteste erhaltene Erwähnung der Stiftskirche. Siehe Matos, João José da Cunha, A colegiada de São Cristóvão de Coimbra (sécs. XII e XIII), Tomar 1998, S. 92, Nr. 5 (unveröffentlichte “prova de aptidão pedagógica e capacidade científica”). In dieser Arbeit wurde die gesamte Dokumentation des Stiftes aus dem 12. Und 13. Jahrhundert transkribiert. []
  4. Zitat eigenständig übersetzt aus: Costa, Mário Júlio do Almeida, Os contratos agrários e a vida económica em Portugal na Idade Média, in: Anuario De Historia Del Derecho Español 49 (1979), S. 162. []

Pardon and Power – Maritime Predation as a Tool of State Control in Late Medieval Castile

Pablo García Fuente, University of Cantabria

Abstract. This post outlines the main points of an upcoming article that examines the use of royal pardon as a tool in support of maritime policy in late medieval Castile, using as a starting point the pardon granted in 1477 by the Catholic Monarchs to the Basque corsair Juan Ochoa de Elguera. The episode is used to think about the royal pardon less as a mere gesture of clemency and more as a calculated tool of politics in fifteenth-century Castile. The focus is on the maritime world, where violence—when given official blessing—could be turned to very practical ends. The discussion touches on legal, social, and political aspects, placing this act within the messy web of relationships between the Crown and the coastal elites of the late-medieval Cantabrian region.

In late-medieval Castile, a royal pardon was almost never just a kindhearted favour. It was a move in a larger game—part reward, part bargain, and often a way to turn troublemakers into allies. Corsairs fit perfectly into this logic. They sailed that thin line where plunder and service overlapped, and in the right political moment, their actions could suddenly shift from crime to valuable service. One month a pirate, the next a loyal subject—such was the fluidity of the time.

The 1477 pardon to Juan Ochoa de Elguera is a vivid example. Ochoa had taken enemy ships and cargo, acts which, depending on who was asked, were either criminal or heroic. The Catholic Monarchs not only forgave him but returned his property and restored his standing. We know this from the document preserved in the Archivo General de Simancas. It tells us that the monarchy was willing to turn maritime violence into an asset rather than waste energy trying to stamp it out.There’s more to it, though. The case sits in a broader pattern along the Cantabrian coast where the law was far from fixed. A raid condemned today could be celebrated tomorrow if it served the right purpose. The Crown had the flexibility—and the authority—to rewrite the meaning of such acts on the fly.

Seen in the context of the Catholic Monarchs’ centralisation efforts, the pardon makes even more sense. Basque ports, crews, and ships were resources too valuable to lose. Outright suppression of corsairs would have been costly and, in many ways, wasteful. Instead, the monarchy sought to shape and direct their activity, folding them into its naval strategy when possible. Ochoa’s pardon is one such example of this repositioning.

These kinds of decisions weren’t just cold calculations made behind closed doors. The ability to control justice—or at least the appearance of it—was part of a larger, carefully cultivated performance. By choosing when to be severe and when to show mercy, the crown wasn’t just resolving conflicts. It was reminding everyone, from noble allies to rival powers, who held the reins. Justice, in this world, wasn’t some abstract principle floating above politics. It could be shaped, adjusted, and even weaponized when necessary. The law was there, yes—but it moved when the crown moved.

Pardoning someone like a corsair, someone whose loyalty might be useful down the line, was never a simple act of generosity. It was a layered decision. It rewarded those who showed allegiance, offered hope to those considering it, and sent a warning to those who might challenge the crown’s authority.

In the end, the pardon of Ochoa de Elguera offers a small but telling window into how the monarchy managed power at sea. Violence was not simply a threat to be eliminated—it was a tool to be handled, redirected, and sometimes even rewarded. This selective approach to justice allowed the Crown to adjust to shifting politics and changing dangers, all while keeping the ultimate authority in its own hands.


Photo: Froissart, Jean, Battle of Sluys (1340), in: MS fr. 2643, fol. 72r, in: Wikimedia Commons, URL: [https://da.wikipedia.org/wiki/Slaget_ved_Sluys#/media/Fil:BattleofSluys.jpeg] (15.09.2025).

Euskal Herriko Bando Gerrak (XIV-XV. mendeak)

Ekaitz Etxeberria Gallastegi, University of the Basque Country

Abstract: This post by Ekaitz Etxeberria Gallastegi discusses the Basque factional wars. Driven by a socio-economic crisis families of the nobility used violence to sustain their income, a practice legally permitted at the time. These conflicts were particularly intense in the Basque region due to its unique social and territorial configuration, with over 200 noble families vying for control over resources, political dominance, and social prestige within a defined coastal area. Conflicts ranged from local disputes to large-scale alliances, eventually forming two major factions across different regions, with fluid alliances leading to widespread violence, especially between 1440 and 1448.

Bando gerrak Behe Erdi Aroko Euskal Herriko fenomeno bereizgarrietakoenen artean egon ziren, eta beharbada garai hartako fenomenorik adierazgarriena izan ziren. Baina zer izan ziren? Behe Erdi Aroko gizarteari eragin zion krisi orokorraren ondorioz, euskal behe nobleziako leinuek (aitonensemeak edo kapareak) diru-iturri gutxituei eusteko modu berriak bilatu zituzten. Testuinguru horretan, indarkeria zilegizko irtenbide bihurtu zen. Izan ere, garaiko legediak (tartean, 1452ko Bizkaiko Foru Zaharra) elkarri desafiatzeko eskubidea aitortzen zien nobleei, benetako gerra pribatuak deklaratzeko aukera emanez.

Honaino, egoera ez zen Europako beste eskualde batzuetan bizi zenaren oso bestelakoa. Hala ere, Euskal Herrian gerra pribatuek izaera kronikoa hartu zuten, eta benetako gaitz endemikoa bihurtu ziren, bereziki XV. mendean. Intentsitate berezi hori ulertzeko gakoa eremuaren gizarte- eta lurralde-konfigurazioan datza. Eremu honi Kantauri itsasoak iparraldean eta Gasteiz eta Iruña hiriek hegoaldean, Karrantza haranak mendebaldean eta Donibane Garazik ekialdean mugatzen duten kostaldeko korridorea da, erantsitako mapan ikus daitekeenez.

5.000 kilometro karratu inguru hartzen dituen lurralde honetan 200 leinu noble baino gehiago biltzen ziren, interes desberdinengatik borrokatzen zirenak: mendi eta burdinolen kontrola, hiribilduetako kontrol politikoa edo, batzuetan, lehia pertsonalengatik. Eztabaida horiek prestigio sozialerako nahiari ere erantzuten zioten. Garai hartako kronikari bizkaitar batek adierazi zuen bezala (berak ere gatazka horietako batzuetan parte hartu zuen), “gehiago balio” nahi zen (“valer más”): hau da, aberastasunean, boterean edo eraginean aurkariaren aurrean nagusitasuna erakustea, esparrua edozein zela ere.

Leinuen arteko liskarrak maila desberdinetan gertatzen ziren. Horiek aldi berean gertatzen ziren eta askotan gainjarri ere egiten ziren, eta horrek indarkeria mailaren gorakada ekarri zuen. Oinarrizko mailan, gatazkak tokian-tokiko aferak ziren, leinu bik edo gehiagok bailara edo herri jakin baten barruan konfrontazio estrukturalak zituztenean. Hala ere, aliatuak bilatu nahi izateak gatazka zabal zezakeen, leinu gehiago erakarriz eta gatazka eskualdearen nagusitasuna eskuratzeko borroka batean bihurtuz. Kasu batzuetan, aliantza horiek are gehiago hazten ziren, probintzia-dimentsioa lortuz. Horrela, leinuak aurrez aurre zeuden bi bando handitan elkartuta amaitu zuten, eta horrek lurraldearen polarizazio orokorra eragiten zuen.

Aurrez aurre zeuden bandoak, Gipuzkoan, oinaztarrak eta ganboatarrak ziren; Bizkaian, Abendaño eta Butroi-Mugika ditugu; Lapurdin, Urtubia eta Amezketa; eta Nafarroan, Agramont eta Beaumont. Bando horiek egitura egonkorrak ziren arren, ez zuten afiliazio finko edo iraunkorrik. Leinuen arteko aliantzak aldakorrak ziren eta interes zirkunstantzialei erantzuten zieten; beraz, gaur ganboatarrekin lerrokatzen zen leinu batek bihar oinaztarrekin egin zezakeen. Dinamika hori 1440tik 1448ra bitarteko aldi bereziki bortitz batean amaitu zen, euskal probintzia desberdinetako leinuak hauen eremuetatik kanpo ematen ari ziren gatazketan esku hartzen hasi zirenean. Horrek bando gerren eskala areagotu egin zuen, eta nabarmen igo zen  bai gerra-ekintzen bai biktimen kopurua.

Azken hamarkadan, ValerMás ikerketa-proiektuan eta Gizarteak, Prozesuak eta Kulturak (VIII-XVIII. mendeak) ikerketa-taldean (biak Euskal Herriko Unibertsitatean, EHUn, errotuak), eskura dauden iturri narratibo nagusien azterketa kuantitatiboa jorratu dugu: Anales Breves de Vizcaya eta Lope García de Salazarren Libro de las Buenas Andanças e Fortunas. Azterketa horri esker, zehatzago neurtu ahal izan da Euskal Herriko gerra pribatuen fenomenoa eta haren ondorioak. 1390 eta 1473 urteen artean, 443 gerra ekintza identifikatu dira guztira, hilketak, segadak, dorretxeen aurkako erasoak, setioak eta batailak barne. Erregistro horietatik abiatuta, bando gerren ondorioz 1.933 eta 2.091 pertsona inguru hil zirela kalkulatu dugu.


Photo: “Trachtenbuch” des Christoph Weiditz, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Hs. 22474. Bl. 133-134 Baskischer Bauer mit seiner Wehr / Baskischer Kriegsmann.

Courts and Craftspeople in the Late Medieval Crown of Aragón

Eva-Maria Cersovsky, Universität zu Köln

Abstract: The research project outlined in this contribution aims at offering new insights into an important but underexplored group of actors at late medieval royal courts by putting craftspeople at the centre of analysis. It takes the courts of the kings and queens of the Crown of Aragón as its focus to investigate the multifaceted relationships they formed with artisans from the end of the thirteenth to the beginning of the fifteenth century. The project pursues three main objectives: First, it explores and compares the forms of affiliation, the status, tasks, functions, material resources, and working conditions of the many different artisans serving the royal households. Second, it examines the role of courts as spaces of artisanal training, production and knowledge, cooperation and competition. Third, it illuminates the activities of craftspeople in-between courtly and civic environments. The project’s findings thus promise to foster a better understanding of artisans’ economic and social interactions with royal households, while also offering new perspectives for studying court economy and court culture.

Late medieval courts attracted a wide variety of different craftspeople.1 Numerous experts specialising in the food, wood, metal, or textile crafts were commissioned by princely and royal households to create products of various kinds. It is well known that medieval rulers both acquired large quantities of artisanal luxury objects and needed countless craft products for everyday use. Noble patrons, courtly material culture, and patterns of consumption have been at the focus of historical scholarship for quite some time. However, to date, only a few historians have attempted to put artisans, the makers of courtly objects, at the centre of monographic studies in order to systematically determine the multifaceted work-related and social relationships they formed with late medieval courts.

My book project (Habilitation), still in its early stages and tentatively outlined in the following, aims at filling this gap by taking the late medieval courts of the kings and queens of the Crown of Aragón as its focus. The Aragonese courts hold particular potential for the study of craftspeople since they did not only constitute important political and social centres formed around a ruler but were also dynamic economic and cultural hubs within the Mediterranean, attracting various people from different social and religious groups, regions, and cultures. They employed, to just name a few examples, Catalan bakers, French tailors, or German goldsmiths, Jewish candle makers, Muslim construction workers, or Christian carpenters in a variety of different institutional affiliations and socio-economic interdependencies. Some artisans also performed services for queens and kings that went beyond their specific craft, such as buying goods for the royal household, joining diplomatic missions, or functioning as administrators involved in the foundation of monasteries or the overseeing of royal mills. These ways in which different craftspeople were connected to the kings’ and queens’ courts economically and socially have yet to be studied in a comprehensive and comparative approach, as has the question of how royal courts functioned as sites of artisanal production, collaboration, and knowledge – with both patrons and craftspeople as active participants.

Since the courts of the Crown of Aragón are documented exceptionally well, especially from the thirteenth century onwards, it is possible to trace such questions in a wide variety of sources, mainly housed in the Arxiu de la Corona d’Aragó in Barcelona. The project will, for example, draw on court ceremonials characterising court personnel and their duties as well as on various household accounts that document payments to artisans holding court offices and to many other craftspeople for commissions of differing nature, often including detailed descriptions of the final products and their materials. It will also utilize a small number of account books written by the artisans themselves which have survived in the royal archives, and make use of the numerous royal chancellery registers documenting contracts, letters, privileges granted to artisans, or recommendations of specific craftspeople to other institutions. Additionally, I will employ inventories which list objects in varying detail and frequently mention who created them, where they were made, and/or – in the case of objects in relation to specific court offices – who used and took care of them.

Seeing the quantity and variety of available sources, the project’s main focus is on a ‘long fourteenth century’, from the reign of James II (1291–1327) to the reign of Martin I (1396–1410). This period also holds an important place within scholarly discussions on how artisans’ relationships to courts developed over time, both in the Crown of Aragón and other regions. These debates concern, for instance, the perception and status of craftspeople as ‘artisans’ or ‘artists’, the inclusion of artisans into the circle of royal familiares, or the emergence of new legal and institutional forms of ‘court craft’ (‘Hofhandwerk’) or ‘court art (‘Hofkunst’) and their position between court and city.

Contributing to these discussions and expanding the state of research, the project adopts a multifaceted, comparative approach. It employs the terms ‘craftspeople’ and ‘artisans’ in a broad sense to grasp and include not only renowned individuals but all people who used their hands and tools to produce, repair, or redesign products, including food as well as objects made from different materials. It also starts from the written documentation and not from objects or architecture still present today. This way, the project seeks to make a systematic effort at both establishing and comparing the variety of craftspeople connected to Aragonese courts, thereby bridging the common division between groups of different objects, materials, and/or artisans. Furthermore, it focuses on both the kings’ and the queens’ households over a longer period of time to delineate similarities and differences in the artisanal personnel serving them. As first case studies suggest, this approach promises to yield fruitful results regarding the activities, status, and career options of craftspeople working across different courts. Following this general methodological framework, the project has three main objectives that build on one another:

First, it seeks to investigate which artisans were integrated into the courts’ economic and social networks and in what ways, including how these connections were formed in the first place. Answering these questions involves inquiries into the social backgrounds, status, tasks, functions, working conditions, material resources, and careers of different craftspeople serving royal courts. Without pursuing the goal of a detailed prosopography or comprehensive network analysis, the available, relevant personal data concerning the artisans will be collected in a database, which will then form the basis for more detailed case studies on a selected number of individual craftspeople and groups of artisans. Moreover, approaching the different types of connections between craftspeople and courts necessitates semantic analyses, for example, regarding the (variable and shifting) meanings connected to titles of court offices, such as panicer, or denominations like de la casa de la senyora reyna/ del senyor rey.

Second, the project aims at analysing how royal courts functioned as spaces of artisanal production and knowledge, cooperation and competition. This includes questions on forms of training and the transmission of knowledge, on artisanal migration and interreligious collaborations and/or conflicts. Understanding artisans working for the Aragonese courts as experts possessing specialized knowledge and skills to understand, (re-)design, and invent things, I will build on the insights of both art historical research and studies on material culture to examine repositories of knowledge connected to objects, practices, and their textual representations, such as descriptions in account books and inventories. By examining experts from different regions and religious groups gathered at Aragonese courts, the project will also draw on concepts of ‘cultural brokerage’ and discuss whether artisans can be conceived as ‘brokers’ even if their primary aim might not have been cultural mediation as such.

Third, the research project seeks to illuminate the interplay between courtly and urban craft production and the positions of artisans in-between courts and cities – spaces with permeable boundaries. Exploring these aspects brings into focus, for example, the use of urban infrastructure, the role of artisanal court personnel as intermediaries hiring additional workers, or the existence of royal privileges obtained by individuals or craft groups regulating their status in relation to civic norms and institutions. Choosing one or two cities with royal residences as case studies, such as Barcelona, València, or Zaragoza, this part of the project also tentatively aims at including civic sources. Municipal ordinances, the documentation of confraternities and guilds, inventories, and other notarial documents help trace the activities of artisans in urban contexts and may also be used to conduct further prosopographical research on the identities of selected craftspeople. These sources, however, will mostly be consulted after the examination of the royal documentation.

Based on rich source material and building on insights as well as approaches of interdisciplinary scholarship, the project thus seeks to foster a better understanding of craftspeople as an important but underexplored group of actors connected to late medieval courts within the Crown of Aragón. Its findings promise to shed new light on artisans’ economic and social agency in the context of royal households and to offer new perspectives on both court economy and court culture.

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  1. References to some publications relevant to the project can be found in a selected bibliography at the end of the contribution. []

Dynastische und herrschaftliche Legitimierung in der Crónica de el-rei D. João

Monika Aring da Silva Ramos Mauro, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Resumo: No ano de 1385 D. João de Avis se tornou rei de Portugal, fundando assim uma nova dinastia. Como mestre da Ordem de Avis, além de filho mais novo e ilegítimo de D. Pedro I, D. João era excluído da linha tradicional de sucessão ao trono. As circunstâncias por trás de sua ascensão ao poder foram também acompanhadas de outras irregularidades, que poderiam conceder à sua ascensão ao trono um caráter usurpatório. Em 1434 o arquivista real Fernão Lopes foi encarregado de escrever uma crônica sobre os feitos de D. João I, que tinha como objetivo a legitimação da dinastia de Avis. O caminho de D. João ao trono português e a função legitimadora da Crónica de el-rei D. João de Fernão Lopes são tematizados no seguinte artigo.

Zusammenfassung: Im Jahr 1385 wurde Johann von Avis zum König Portugals erhoben und gründete somit eine neue Herrscherdynastie. Als Meister des Ritterordens von Avis sowie jüngster und unehelicher Sohn von Peter I. war Johann von der traditionellen Thronnachfolge ausgeschlossen. Die Umstände hinter seinem Aufstieg zum König wurden zusätzlich von weiteren Unregelmäßigkeiten begleitet, die seine Machtnahme als usurpatorisch charakterisieren könnten. Der königliche Archivar Fernão Lopes wurde 1434 mit der Verfassung einer Chronik zu Johann I. beauftragt, die als Ziel die Legitimierung des Herrscherhauses von Avis verfolgte. In diesem Beitrag wird der Weg Johanns zum portugiesischen Thron sowie die legitimierende Rolle der Crónica de el-rei D. João des Fernão Lopes erläutert. 

Der Aufstieg der Dynastie von Avis zum Herrscherhaus Portugals im Jahr 1385 stellte einen großen Umbruch in den portugiesischen Machtverhältnissen dar. Während die seit der Unabhängigkeit Portugals herrschende Dynastie von Burgund beseitigt wurde, war der neue König Johann I. nicht nur der jüngste und uneheliche Sohn des ehemaligen Königs Peter I., sondern auch Meister des geistlichen Ritterorden von Avis, zwei Aspekte, die ihn von der traditionellen Thronnachfolge ausschlossen. Die Umstände hinter seinem Aufstieg zum König waren gleichermaßen zweifelhaft. Nach dem Tod seines Halbbruders König Ferdinand I. im Jahr 1383 sollte die Herrschaft an die damals erst zehnjährige Beatrix übergehen, Tochter des verstorbenen Königs und Verlobte von König Johann I. von Kastilien. Aufgrund ihres jungen Alters sollte die Witwe des Königs, Leonore Teles, die Herrschaft bis zur Mündigkeit der jungen infanta innehaben. Allerdings zeigte die portugiesische Bevölkerung, besonders das einfache Volk und die Kaufmannsschicht Lissabons, bereits die ersten Zeichen ihrer Unzufriedenheit gegenüber der neuen Regentin, die infolge ihrer Vorliebe für Kastilien und Bevorzugung des Adels unter dem Volk einen unvorteilhaften Ruf besaß. Man fürchtete aufgrund der engen Beziehung der Regentin und ihrer Tochter zum Königreich Kastilien den Verlust der Unabhängigkeit Portugals. 

Die Anhänger Johanns nutzten die angespannte Stimmung aus, um das Volk Lissabons für die Seite des Meisters von Avis zu gewinnen, indem sie seine Ermordung durch Anhänger der Regentin vortäuschten, was wiederum einen Protest vor der königlichen Residenz verursachte. Der Aufruhr in Lissabon kulminierte in einem weit verbreiteten ländlichen Aufstand, in dem Bauern in Burgen und Residenzen einbrachen und kastilienfreundliche Adlige töteten. Währenddessen zog Johann I. von Kastilien auf Bitten von Leonore Teles mit seinem Heer in Portugal ein, um die herrschaftlichen Ansprüche seiner Verlobten zu verteidigen. In den Cortes von Coimbra des März 1385 gelang es den Anhängern von Johann die Teilnehmer des Rates zu überzeugen, dass Johann, trotz seines Status als Geistlicher und illegitimer Sohn, ein viel besser geeigneter Thronkandidat als seine Nichte und seine nach Kastilien geflohenen Halbbrüder war. Kurz nach seiner feierlichen Akklamation zum König besiegte Johann I. das Heer des kastilischen Königs in der Schlacht von Aljubarrota, wodurch er sich unangefochten als König Portugals durchsetzen konnte. 

Die mangelnde Eignung von Johann als Thronnachfolger sowie die Umstände hinter seiner Machtnahme, die im schlimmsten Fall als usurpatorisch beurteilt werden kann1 , stellten ein Hindernis für die Langlebigkeit des von ihm gegründeten Herrscherhauses dar. Dies war wahrscheinlich seinem Sohn und Nachfolger Eduard I. bewusst, der bereits 1434, ein Jahr nach dem Tod seines Vaters, den Aufseher des königlichen Archivs Fernão Lopes mit der Verfassung einer Chronik zu Johann I. beauftragte. Zusätzlich sollte Lopes auch Chroniken früher Herrscher Portugals schreiben, jedoch wird in einem Brief von Eduard I. die Verschriftlichung der großen Taten seines tugendhaften Vaters besonders hervorgehoben.2 Außer der Crónica de el-rei D. João sind nur die Chroniken zu Peter I. und Ferdinand I. erhalten. Diese sind nicht nur wesentlich kürzer, sondern laufen auch thematisch in die Crónica de el-rei D. João zusammen, die als Mittelpunkt der Erzählung dient. Beispielhaft kann die Idee der göttlichen Prädestination des Meisters von Avis erwähnt werden, die zum ersten Mal in der Chronik von Peter I. in einem Traum des Königs erscheint, in dem einer seiner Söhne namens Johann das brennende Königreich Portugal rettet. Peter I. kommt aber zum Schluss, dass es letztendlich die Entscheidung Gottes ist, welcher seiner beiden Söhne mit dem Namen Johann für diese große Leistung vorbestimmt ist.3 Diese göttliche Vorherbestimmung entfaltet sich zu ihrem vollen Potenzial in der Crónica de el-rei D. João, in der das Volk Johann als Messias von Lissabon bezeichnet, der Portugal mithilfe Gottes von der kastilischen Bedrohung befreien wird. 

Fernão Lopes sucht im Laufe seiner Erzählung mittels göttlicher Zeichen, biblischer Vergleiche und der bedingungslosen Unterstützung des wahren portugiesischen Volkes die herrschaftlichen Ansprüche Johanns und folglich auch die Rechtmäßigkeit der Dynastie von Avis zu legitimieren. Trotz seines „Geburtsdefekts“, der ihn zum unwahrscheinlichsten Thronkandidaten machte, verkörpert Johann von Avis in Lopes‘ Chronistik die Eigenschaften eines guten und gerechten Herrschers, der sich für das einfache und stadtbürgerliche Volk zugunsten des nationalen Interesses einsetzt. Die Crónica de el-rei D. João drückt letztendlich mittels der Figur Johanns und seiner Unterstützer den nationalen Willen zur Selbstbestimmung aus. So nimmt das portugiesische Volk das Recht in Anspruch „sich einen eigenen, nationalen, angestammten Herrscher (senhor natural) zu wählen, unbekümmert um einen zwischen Fürsten geschlossenen Vertrag und gegen jeden fremden Versuch, unter welchem Vorwand immer das Land zu unterwerfen“.4 Ob die Chronik des Fernão Lopes tatsächlich ihren Zweck erfüllte und die Legitimität der Dynastie von Avis im kollektiven Gedächtnis auch praktisch befestigte, kann hinterfragt werden. Dennoch herrschte die von Johann I. gegründete Dynastie über Portugal bis ins Jahr 1580 und war unter anderem für den Beginn des Entdeckungszeitalters verantwortlich.


Photo: Grabstätte von Johann I. und seiner Ehefrau Philippa von Lancaster im Kloster von Batalha, Portugal. Das Dominikanerkloster wurde von Johann I. anlässlich des Sieges in der Schlacht von Aljubarrota gegründet und diente als königliche Grablege für die Dynastie von Avis, in: Mosteiro da Batalha, URL: [http://www.mosteirobatalha.gov.pt/pt/index.php?s=white&pid=226&identificador=bt1312_pt] (02.01.2024)

  1. Bezüglich des möglich usurpatorischen Charakters des Machtaufstiegs Johanns I. siehe PINA BALEIRAS, Isabel de, Portugal 1385: a people’s choice or coup d’etat? in: Dynastic Change. Legitimacy and Gender in Medieval and Early Modern Monarchy, hg. von Ana Maria RODRIGUES/Manuela SANTOS SILVA/Jonathan SPANGLER, London/New York 2020, S. 43–68. []
  2. „[…] teemos dado Carrego a fernam lopez nosso escpriuam de poer em caronyca as estorias dos Reys que antygamente em portugal forom Esso meesmo os grandes feytos e altos do muy uertuosso E de grãdes uertudes ElRey meu Senhor e padre cuja alma deus aja […]”. Chancelaria de D. Afonso V, lib. 19, f. 22v., reproduziert in: Fernão Lopes, Cronica del-Rei Dom Johan I. Parte Primeira. Reprodução fac-similada da edição do Arquivo Histórico Português (1915), hg. von Anselmo BRAAMCAMP FREIRE, Lisboa 1973, S. XLV. []
  3. Fernão Lopes, Crónica de Dom João I. Primeira Parte, hg. von Teresa AMADO, Lisboa 2017, cap. XLIII, S. 276f. []
  4. BEAU, Albin Eduard, Die Entwicklung des portugiesischen Nationalbewusstseins (Ibero-Amerikanische Studien 16), Hamburg 1945, S. 20. []